Dt. Übersetzung des Artikel: Paulus, S. (2026). Non-Becoming: Echoes and Fractals of Un-Becoming. In: Hyperspekulation. 07/26 [URL] https://hyperspekulation.org/2026/07/31/non-becoming-echoes-and-fractals-of-un-becoming/
Die falsche Frage
Fast jede zeitgenössische Philosophie des Subjekts beginnt mit der Frage, was das Subjekt werden muss. Es muss frei werden, versöhnt werden, produktiv werden, erleuchtet werden, intelligent werden, anders werden, als es ist. Selbst die Philosophien, die den Tod des Subjekts verkünden, bewahren diese Erzählung unverändert bei: Sie verlagern lediglich das Werden und übertragen es vom Menschen auf die Biologie, Neuronen, Oxidationschemie oder nach außen auf das Handeln Gottes, auf Schicksal und Karma oder auf die Materie selbst. Manchmal ist es auch Produkt der Strukturen oder einer letzten Instanz. Die Subjektphilosophie wechselt das Substantiv aus, niemals das Verb. „Werden“, der Imperativ, dass man überhaupt etwas werden muss, sich im Namen eines Überbaus entwickelt oder sich epigenetisch vervollkommnen muss, wird nie infrage gestellt. Zudem haben die kritischen Kritiker:innen gelernt, jede feststehende Identität zu hinterfragen und jeden Fluss, jede scheinbare Fluchtlinie und Deterritorialisierung zu feiern – und damit ist das Werden zum einzigen Begriff gemacht, der sich der Kritik entzieht. Werden ist zu einem unhinterfragten Status (im Sinne von Stillstand) geworden.
Dieser Essay geht von einer anderen Intuition aus, die leicht zu formulieren, aber schwer zu verinnerlichen ist: dass der Imperativ des Werdens selbst die Form einer Gefangennahme ist. Nicht sein Inhalt – seine Form. Auf der Ebene der Struktur spielt es keine Rolle, was einem gesagt wird, was wir werden sollen. Die Anrufung, überhaupt irgendetwas zu werden, schafft bereits ein Defizit des Subjekts: Sie sagt, dass du es noch nicht bist, dass du unvollständig bist, dass dein wahres Ich vor dir liegt, dass du fremd in deinem jetzigen Ich bist, deine wahre Natur in der Zukunft schwebt, auf die du hinarbeiten musst. Der Mangel ist der Affekt, den der Imperativ erzeugt, und Mangel ist der Affekt, von dem sich eine ganze Ökonomie der Selbstverbesserung, der Therapie, der Optimierung und der Beschleunigung nährt. Das Subjekt, dem es an etwas mangelt, ist ein Subjekt, dem man ewig Identitäten und Mittel zu seiner Vollendung verkaufen kann, weil die Vollendung niemals kommt.
Hier soll nicht ein anderes Werden propagiert werden, sondern dessen Aufhebung. Keine Rückkehr zum statischen Sein – das ist lediglich das Spiegelbild des Werdens, die reaktionäre Nostalgie nach einem Wesen. Es geht hier darum, etwas freizulegen: ein Nicht-Werden, welches keine Rückkehr ist, sondern ein Leer-Werden, in dem das Subjekt aufhört, sich mit dem identisch zu machen, was es werden soll, weil es nichts zu werden gibt, das es nicht schon wäre.
Zwei Bedeutungen von „Werden“ sind dabei auseinanderzuhalten, deren Verwechslung fatal wäre. Das Werden, das hier kritisiert wird, ist der Imperativ: die Anrufung, die Adressierung des Subjektes, sich auf ein Ziel hin zu entwickeln, zu vervollkommnen, ein Defizit zu füllen (Paulus 2025a). Davon strikt zu unterscheiden ist das devenir im Sinne von Deleuze und Guattari – das Tier-Werden, das Molekular-Werden, das Intensiv-Werden –, das gerade kein Fortschreiten auf ein Ziel ist, sondern eine Entsubjektivierung, ein Verlassen der eigenen Form. Das Non-Becoming, welches in diesem Essay entwickelt wird, steht nicht gegen dieses devenir, sondern ist sein Fluchtpunkt. Denn Deleuze und Guattari führen jedes Werden auf ein letztes zu: das Unwahrnehmbar-Werden, das immanente Ende des Werdens (Deleuze/Guattari 1992, 374), in dem das Werden so vollständig wird, dass es nichts mehr gibt, das noch würde – keine Form, die es zu verlassen gilt, und auch keine Subjektivierung, die noch überschritten werden müsste. An diesem Grenzpunkt schlägt das Werden in sein Anderes um: Wo nichts mehr zu werden bleibt, fängt das Non-Becoming an. Der Imperativ wird verworfen; das devenir fraktalisiert sich in unendliche Echos.
Im Zentrum von Laruelles Non-Philosophie ist die Suche nach diesem «psychocosmism» und einer «fractalized Identity» (Laruelle 2013, 59) angelegt. Hier steht die Annahme im Zentrum, eine Identität oder ein Phänomen nicht mittels vorgefertigter Konzeptionen dem Realen zuzuordnen und so zu einem Klon der Realität, zu einem fetischistischen Realismus werden zu lassen, sondern diese Ordnung umzukehren: In der Betrachtung und im Experimentieren mit dem Phänomen begründet sich seine Realität, und es entwickelt ein Eigenleben (Laruelle 2014, 22f). Die Abkehr von der Interpretation ist zugleich eine Abkehr von der Begründung des Wahrgenommenen, weil das Erkennen nicht auf bestehende Codierungen zurückzuführen ist, „deren Herrschaft uns gegen die in der Überlieferung sprechende Sache taub macht“ (Gadamer 1999, 274). Ein Experimentieren mit Philo-Fiktionen verifiziert oder falsifiziert das Phänomen nicht, sondern überschreitet es: Es greift nicht in eine wissenschaftliche Theorie ein, sondern modelliert sie zugunsten der inneren Selbstähnlichkeit, in der verschachtelte Strukturen der Fraktalisierung ein offenes Universum fraktalen Wissens erzeugen. Das Ziel der Philo-Fiktion ist ein Beitrag zur Darstellung des Einen-im-Einem, des Nicht-Identischen, einer radikalen Immanenz (Laruelle 2010, 70f).
Die Philo-Fiktion, die generische Wissenschaft von Hyperspekulationen (Laruelle 2010, 230), hat die Aufgabe, Phänomene zu entsubjektivieren, Subtraktionen am Material vorzunehmen. „Generisch“ heißt eine Forschung, die nicht das Spezifische hervorbringt, sondern Modelle und Hypothesen produziert (Laruelle 2013, 69ff), die unbestimmt bleiben und Variablen ohne zugewiesenen Wert herstellen (Szepanski 2015, 81; Paulus 2020, 2022, 2024a). Da fiktionale Aussagen weder wahr noch falsch sind, sondern „als-ob“ gedacht werden (Vaihinger 1986), bleiben die Resultate offen und müssen immer wieder entsubjektiviert und subtrahiert werden (Laruelle 2014, 142ff). So werden keine Doubles der Welt produziert, sondern Indeterminanten — und doch muss dieses Variable, Multiple, Pluralistische zugleich als das Eine-in-Einem, das „(Non)-One“ (Laruelle 2010, 97f), das alles-in-sich-Verbindende, erkannt werden.
Diese Methodik fällt mit dem Gegenstand dieses Essays zusammen. Denn das Non-Becoming ist genau die Tilgung jenes Außen-Standpunkts, von dem aus ein Subjekt sich als unvollständig, als noch-zu-werdendes reflektiert. Die Hyperspekulation ist das Verfahren, dies zu beschreiben, sie beweist nichts und bildet nichts ab; sie modelliert. Im Folgenden werden daher keine Thesen über das Non-Becoming bewiesen, sondern Philo-Fiktionen generiert, die das Phänomen auf seine Fraktalität hin befragen, ontologische Monokausalitäten entfernen und Bedeutungen vervielfältigen — Modelle, die das Werden an seinem Fluchtpunkt zeigen. Z.B. hat so auch Gianfranceschi (2026) das un-becoming, in Bezug auf Maya B Kronic, für eine Bewegung aufgenommen, die nicht vorwärtsstrebt, sondern sich zurücknimmt: ein Aufhören des Werdens, das er an der Depression abliest. Dieser Essay teilt das Wort, aber nicht seine Richtung: Was hier Non-Becoming heißt, ist nicht der Stillstand, sondern das, was von ihm übrigbleibt, wenn man es bis an seinen Fluchtpunkt treibt — kein Versinken, sondern ein Echo; kein Erstarren, sondern ein Fraktal.
Die folgenden Kapitel verfolgen diese Differenz durch fünf Hyperspekulationen. Jede ist einem der folgenden Kapitel zugeordnet:
- Erstens, die onto-photo-logische Fiktion: Man kann das Werden so modellieren, als wäre es ein bloßer Effekt der Wahrnehmung als Wahr-Machen — als wäre, was als Realität erscheint, nichts als die normativ angeeignete Kopie. Unter dieser Annahme wäre das Leerwerden kein Erfassen einer tieferen Wahrheit, sondern die Auslöschung des Codes, die Suspendierung der Aneignung selbst (Laruelle 2014; Holzkamp 1973).
- Zweitens, die Kompressions-Fiktion: Man kann das Leerwerden behandeln, als wäre es die Deaktivierung eines prädiktiven Selbstmodells, der Zusammenbruch des negentropischen Imperativs auf neuronaler Ebene. Ob das so Erfahrene „real“ sei, bliebe in diesem Szenario unentscheidbar — und gerade die Unentscheidbarkeit ist der Punkt (Parr/Pezzulo/Friston 2022; Millière 2017).
- Drittens, die Immanenz-Fiktion: Man kann das Non-Becoming entwerfen, als eröffnete es keinen Zugang zu einem Jenseits, sondern eine radikale Immanenz, in der die Unterscheidung von Subjekt und Welt, von groß und klein, von Innen und Außen kollabiert — kein Hyperraum, sondern das Eine-in-Einem, das keinen Ort außer sich hätte (Laruelle 2010; Bohm 1980).
- Viertens, die nondualistische Fiktion: Man kann annehmen, das Leerwerden transportiere keinen neuen Inhalt, sondern sei die Wiedererkennung dessen, was immer schon war — die Auflösung des Subjekts nicht als Verlust gedacht, sondern als das Enden einer Verkennung, in dem es sich als das erkennt, was es nie aufgehört hat zu sein (Utpaladeva 2002; Dyczkowski 1987).
- Fünftens, die performative Fiktion: Man kann unterstellen, das Non-Becoming lasse sich überhaupt nicht beschreiben, ohne es zu verfehlen, weil jede Beschreibung die Grammatik des Werdens fortsetzte — sodass es nur noch zu vollziehen wäre: im Text, der sich faltet statt fortzuschreiten, im Echo ohne Ursprung, in der Selbstähnlichkeit, die kein Original kennt (Deleuze/Guattari 1992; Laruelle 2014, 110).
Wie man wird, was man ist: Wahrnehmung als Wahr-Machen
Um zu werden, was man ist, muss dem Körper und dem Ich ein Gedächtnis gemacht werden, dem Körper die soziale Ordnung „eingebrannt“ werden, um Ideen unauslöschlich, allgegenwärtig, unvergessbar und fix zu machen (Nietzsche 1999, 210). Erst dann steht das Werden nicht mehr als Programm vor dem Subjekt, das es zu verfolgen hätte, sondern es wird seine Sedimentierung, als „Somatisierung der Herrschaftsverhältnisse“ (Bourdieu 1997, 166), als „leibliche Einschreibung“ (Butler 2003, 190), als „Mikrophysik der Macht“ (Foucault 1976). Der Ort aber, an dem diese Sedimentierung sich vollzieht und fortwährend erneuert, ist die Wahrnehmung selbst, und zwar nicht als ein individuelles „Für-wahr-Nehmen“ unmittelbar möglicher Erfahrungen, sondern es wird zugleich ein „Wahr-machen“ (Holzkamp 1973, 34): Im „scheinhaft-subjektiven Ursprung der Wahrnehmung“ treten gesellschaftliche Verhältnisse als Grundlage einer „individuumzentriert-psychologisierenden Umgebungsbedeutung“ hervor, welche „die Verkehrtheit eines vordergründig an der sinnlichen Erfahrung ausgerichteten selektiven Denkens“ stärkt (Holzkamp 1973, 295f), sodass die Wahrnehmung durchs Denken immer schon gefiltert, durch Schemata und kulturelle Codierungen bestimmt wird. Dabei sieht das Auge, während das Gehirn bemüht ist, Gewohntes zu finden, um dann die Welt so wahrzunehmen, wie sie bereits beschrieben wurde (Horkheimer/Adorno 1991, 101).
Laruelle hat dieser zirkulären Geschlossenheit den Namen Onto-Photo-Logie gegeben. Eine Welt voller Kopien (Laruelle 2014): Statt die je eigenen Bedürfnisse zu erkennen, liefert der Sozius vorgefertigte Lebensstile und Bilder. Freiheit und Wildheit werden durch stellvertretende Existenzen (Schauspieler:innen, professionelle Abenteurer:innen) oder Substitute (Autos, Zigaretten, Alkohol) vermittelt. Die Wahrnehmung orientiert sich an Passfotos, Produktfotos, Landschafts-, Architekturfotografie, Pornographie als scheinbare Abbilder der Realität, als ihre Repräsentationen und Simulationen. Und je mehr die Zuschauer:innen zuschauen, umso weniger leben sie; je mehr sie akzeptieren, sich in den herrschenden Bildern ihrer Bedürfnisse wiederzuerkennen, desto weniger verstehen sie ihre eigene Existenz und Begierde (Debord 1996, §30). Die Onto-Photo-Logische Aneignung ist nichts anderes als der Mechanismus, durch den sich die Produktion und Normalisierung von Wahrnehmung über die Repräsentation der Welt vollzieht. Kopien werden zur Realität – nicht als Objekt, sondern als Repräsentation einer Identität: Eine Wirkung, die das Reale manifestiert, indem sie es existieren lässt, ohne es in ihren eigenen Modus der Präsenz zurückkehren oder eintreten zu lassen oder es auf eine Repräsentation zu reduzieren (Laruelle 2014, 43).
Onto-Photo-Logische Wahrnehmung und Aneignung einer solchen Realität hat eine symbolische Dimension: Sie basiert nicht auf der freiwilligen Entscheidung, ein Objekt zu interpretieren, sondern auf der vorreflexiven Einordnung des Gesehenen, welche das Gesehene klassifiziert und identisch macht mit der Wirklichkeit. Selbst das, was außerhalb einer Relationierung liegt, kann nur in Relation gedacht werden, weil Wahrnehmung erst durch eine permanent erzwungene Wiederholung von Bekanntem und Normen zu verstehen ist. Eine in sich selbst umkreisende Reflexion entsteht: Interpretationen, die von sich selbst bereits Interpretationen sind, definiert durch das Eingrenzen des Wesentlichen über die Abgrenzung gegen das andere (Collmer 2002, 306). Ein Wort oder ein Bild kommt nicht zu einer Bedeutung, weil diese durch eine unabhängige Macht existiert, sondern weil sie ihm gegeben wird (Wittgenstein 1989, 49ff). Du wirst Signifikant und Signifikat, Interpret und Interpretierter, weil die Essenz des Sozius als Beschrifter eben darin besteht, einzuschneiden, abzutrennen, dem Menschen ein Gedächtnis zu machen und ein Gedächtnis von Zeichen: Werden heißt, dem furchtbaren Alphabet einverleibt zu sein, im gekerbten Raum verortet, an Zeichen gebunden zu sein, deren Wahrheit man dadurch herstellt, dass man sie wahrnimmt und kopiert (Deleuze/Guattari 1977, 144f).
Dies ist die erste Hyperspekulation: dass das Werden ein Effekt des Wahr-Machens ist und das Leerwerden folglich nicht das Erfassen einer tieferen Wahrheit, sondern die non-onto-photo-logische Suspendierung der Aneignung ist und die Auslöschung der Codes beinhaltet (Laruelle 2014; Holzkamp 1973).
Die Kompressionsmaschine
Das Subjekt wird nicht nur durch seine Wahrnehmung bearbeitet; es wird durch sie formatiert. Lazzaratos Analyse des verschuldeten Subjekts hat gezeigt, dass die neoliberale Regierungsführung uns nicht von außen disziplinieren muss, wenn sie in uns die Figur eines Gläubigers etabliert, dem wir unser zukünftiges Selbst schulden. Wir werden zu Start-ups eines Selbst, das wir noch nicht besitzen. Die Schuld ist ontologisch, bevor sie finanziell ist: Wir schulden der Existenz die Person, die wir werden sollen (Lazzarato 2014). Und der Sozius hat eine ganze Reihe von Operationen hierzu vorbereitet.
In Kindergärten, Schulen, Familien, im Maßnahmenvollzug, in der Psychiatrie werden Subjekten Regeln beigebracht: Regeln der gesellschaftlich-technischen Arbeitsteilung und letztlich der durch die Klassenherrschaft etablierten Ordnung (Althusser 1977). Je nach Rolle, Funktion, Entwicklungsstand werden Subjekte von einem Einschließungsmilieu zum nächsten weitergereicht. So wird der Ausschluss zum Einschluss – in ein ideologisches und/oder repressives Milieu (Deleuze 1993, 255).
Und jedes Subjekt, das von einem Einschließungsmilieu zum nächsten weitergereicht wird (Kindergarten, Schule, Beruf/Universität, betreutes Wohnen, Heim, Maßnahmenvollzugseinrichtung) oder das aus einem dieser Einschließungsmilieus ausscheidet, ist mit einer zweckmäßigen Ideologie ausgestattet, welche die Rolle und Funktion als Kind, als erwerbstätige, kranke, gesunde, delinquente oder resozialisierte Person adressiert (Althusser 1977, 128). Adressierungen und die darin sich materialisierenden Selbstreflexionen, Rollenbilder und -funktionen finden bei identitätsgenerierenden Anlässen wie Taufe, Einschulung, Schulabschluss, Heirat statt, aber auch bei Anamnese- oder Eignungsgesprächen, Diagnosen, Personalienfeststellungen. Diese Anlässe leiten Wahrnehmung und gesellschaftliches Handeln an und begrenzen es.
Folglich ist ein Subjekt niemals vollständig konstituiert, sondern spiegelt sich permanent in den jeweiligen Adressierungen wider. Die Adressierungen repräsentieren vorherrschende Totalitäten, besitzen aber keine innere Tiefe, sondern sind vielmehr als ideologische Absichten in der Formatierung des Subjekts zu enthüllen. Denn die identitätsstabilisierende Gegenüberstellung von Ich und Nicht-Ich, von Jetzt und meiner Zukunft, lässt identitäre Selbstplatzierungen entstehen. Im individuellen Erfassen, Verarbeiten, Gehorchen oder selbst im Ungehorsam verwirklicht das Zusammenspiel der Einschließungsmilieus eine Kompressionsmaschine. Die Kompressionsmaschine nimmt die Möglichkeiten eines Lebens, verdichtet es und presst es durch einen einzigen Kanal – den Kanal der messbaren Leistung, der optimierbaren Metrik, des Selbst als Zurichtungsprojekt mit Leistungskennzahlen. Alles, was sich nicht auf diesen Punkt hin komprimieren lässt, wird als Abfall, als Reibung, als zu überwindender Widerstand behandelt. Selbst die, die nicht wollen, was sie sollen, bekommen ein Angebot: in einem Resilienz-Workshop, mit einer Achtsamkeits-App, ein anderes Identitätsangebot, in dem man sein wahres Selbst wird. Alles Produkte des Werdens.
Die Kompression aber funktioniert, im Bild gesprochen, wie ein Schwarzes Loch, das Materie über jede Schwelle hinaus verdichtet, bis die Information selbst sich einer Grenze zu nähern scheint (Penrose 2010): Die maximale Verdichtung löscht jede individuelle Geschichte, und nachdem alles verschlungen ist und fast keine Information mehr da ist, sind noch Reiz-Reaktions-Impulse übrig und sonst nichts. Die Glocke klingelt und der Hund sabbert. Die totale Kompression ist totales Vergessen. Dieses Bild ist nicht als physikalische Ableitung des «no-hair theorems» oder als «naturalistischer Fehlschluss» gedacht, sondern als Bild: Das Subjekt in der Kompressionsmaschine nähert sich einer Grenze. Es wird auf einen Punkt gebracht, an dem es fast nichts mehr von seiner Vielheit behält, die es einmal war. Es ist nur noch Arbeitskraft, Energieoutput, sein Schwung auf dem Arbeitsmarkt, ein Teil der Formel: W = c + v + m (Marx 1962).
Das Bild lässt sich ins Thermodynamische verlängern, denn die Logik der Kompression hat eine Entsprechung in der Art, wie die zeitgenössische Neurowissenschaft das Lebendige beschreibt: Im active inference-Modell verfolgt jeder Organismus ein einziges Grundziel: Überraschung zu minimieren, die eigenen Erwartungen zu erfüllen, die Differenz zwischen Vorhersage und Welt klein zu halten und „freie Energie“ zu senken (Parr/Pezzulo/Friston 2022). Leben hieße demnach, Ordnung herzustellen, Unsicherheit zu vermeiden, das Unerwartete zu tilgen: ein negentropisches Streben, ein Anrechnen gegen die Entropie, gegen den Zerfall ins Ungeordnete. Wo das Schwarze Loch die Information verdichtet, bis nur Masse und Energie bzw. Arbeitskraft und Output übrig sind, verdichtet der negentropische Imperativ das Begehren. Dieser stellt, wie Damato (2026) gegen ebendiese Reduktion zeigt, vom Objekt (object a) auf das Ziel (objective a) um und überführt es in eine gamifizierte Ökonomie der Belohnung, in der das Subjekt sich permanent gegen die Entropie der Welt anrechnet. Der Werden-Imperativ ist ein negentropischer Imperativ: Ordnung herstellen, Defizit schließen, Überraschung vermeiden, sich auf das vorhergesagte Selbst hin berechnen.
Wenn das zutrifft, dann ist das Non-Becoming keine höhere Ordnung, keine gesteigerte Negentropie, kein erleuchteter Zustand, der dem unerleuchteten überlegen wäre – sondern die entropische Geste: das Aufhören der Prädiktion, das Zulassen der Überraschung, das Loslassen des Modells, gegen das die Welt sich beständig als Abweichung berechnen ließ. Nicht Auflösung ins bloße Rauschen, denn das wäre die erschöpfte Leere, der Zusammenbruch des Modells unter seiner eigenen Last (Paulus 2025b). Sondern das Nachlassen des Zwangs, überhaupt zu prädizieren – ein Subjekt, das aufhört, freie Energie zu minimieren, weil es das Defizit nicht mehr erzeugt, welches die Minimierung antreibt. Damit zeigen sich zwei benachbarte Positionen. Die eine ist die promethëische: Sie will die Entropie bekämpfen und durch Beschleunigung, Intelligenz und gesteigerte Negentropie überbieten — sie treibt die Kompression also weiter, statt sie zu verlassen. Die andere ist der kosmische Pessimismus: Er erkennt im depressiven Stillstand zwar das Ende des Werdens und sieht im „un-becoming“ eine Revolte durch Rückzug (Gianfranceschi 2026, im Anschluss an Kronic). Wenn aber das Non-Becoming nicht das Ende der Kompression in ihr ist, sondern der Austritt aus dem Modus, dann ist es weder das eine noch das andere: nicht die Entropie, die im Schwarz versinkt, sondern die, in der das Werden-Sollen sich auflöst, weil sein Antrieb, der Mangel, als Fiktion durchschaut ist.
Damit ist die zweite Hyperspekulation umrissen: das Leerwerden als Deaktivierung des prädiktiven Selbstmodells, als Zusammenbruch des negentropischen Imperativs — wobei unerheblich bleibt, ob das dabei Erfahrene „real“ ist, da es sich weder verifizieren noch falsifizieren lässt.
Dabei ist die erschöpfte Leere, das Ausbrennen, kein Versagen, sich zu verwirklichen. Das ist der diagnostische Fehler, der fast jedem therapeutischen Diskurs zugrunde liegt. Die Erschöpfung, das Burnout wird als Zusammenbruch gedeutet, als Unfähigkeit, weiterhin das zu werden, was man sein sollte – und die verschriebene Heilung besteht darin, sich noch mehr zu verwirklichen, sich besser zu managen. Doch Burnout ist die Kompressionsmaschine, die ihre Arbeit vollendet hat. Hatte die Arbeiter:innenbewegung der Industrialisierung und des Fordismus ihre Wut und den Wunsch nach einer anderen Zukunft kollektiviert und explosiv nach außen getragen, ist es im Post-Fordismus eine Kompression nach innen: die Implosion einer Wut, die nach außen keinen Ausweg mehr findet, weil es keine solidarischen Kolleg:innen gibt. Depression ist hier kein Energiemangel. Es ist eine Energie, die sich auf sich selbst zurückwendet – ein Überschuss, kein Mangel. Wenn dies zutrifft, ist das gesamte Vokabular der Genesung falsch verstanden. Man erholt sich nicht hin zu dem Werden, das den Zusammenbruch hervorgerufen hat. Man tritt heraus. Heraustreten heißt darum nicht, einen anderen Ort aufzusuchen – das bliebe Werden auf ein Ziel hin –, sondern den Modus zu verlassen, in dem überhaupt komprimiert wird: aus dem Raum herauszutreten, der jeden Punkt einer Bedeutung, jede Bewegung einem Zweck unterstellt. Was die Kompression durch einen einzigen Kanal presst, öffnet sich erst dort wieder, wo es keinen Kanal mehr gibt. Dieser Ort hat bei Deleuze und Guattari einen Namen: der glatte Raum, der ungekerbte, in dem die Bewegung nicht mehr von Punkt zu Punkt an vorgezeichneten Bahnen entlangläuft, sondern sich frei über eine Fläche verteilt, die keine Wege vorschreibt.
Hineingehen in den glatten Raum
Als unsere Vorfahren zu Beginn des Holozäns, der Warmzeit, noch Nomaden waren, bewegten sie sich auf Linien oder gingen von Punkt zu Punkt. Im Gegensatz zu den Sesshaften der Heißzeit, sind diese Punkte den Wegen untergeordnet: „Die Wasserstelle wird nur erreicht, um wieder verlassen zu werden“ (Deleuze/Guattari 1992, 522). Es geht hierbei nicht um das Verorten und Festgeschriebenwerden in einem Ort oder Raum, sondern um Ortungsfreiheit. Rastlos umherzuziehen und umherzuwandern bedeutet daher auch, den Materiestrom und die Intensitätsaggregate dort aufzuspüren, wo niemand sie vermutet: Eisflächen, das Ununterscheidbare im Schneesturm, das Heulen der Winde in Sand- und Steinwüsten, das Offene der Ozeane mit unendlichem Himmel charakterisieren das Glatte und Leere. In dieser Weite können sich Objektformen der Landschaft vermischen, indem Linien, Flächen, Schatten, Reliefs in einer einzigen Oberfläche emergieren und dabei kontingente Ebenen entstehen lassen, welche das intuitive Erleben verstärken und das interpretierende Sehen reduzieren. In diesem Kontext lassen sich die Deterritorialisierungspraxen der modernen Gegenkultur verorten: Hobos, Beatniks und Hippies, die auf ihren Streifzügen kreuz und quer durch die USA, Europa, Westafrika oder Indien unterwegs waren. Auch die kalifornischen Freikletter:innen, die Bergsteigenden im Alpinstil oder die Qalandariyyah, die wandernden Sufi-Derwische und Yoga-Babas, versuchen dorthin zu gelangen, wo der Raum weit und dekomprimiert ist. In dieselbe Reihe gehören die wandernden Śaiva-Asketen: die nackten, mit Verbrennungsasche eingeriebenen Nāga-Sādhus, die kein Eigentum und keinen festen Ort kennen, und, am äußersten Fluchtpunkt, die Aghori, deren śmaśāna-sādhanā, die Meditation auf dem Leichenfeld, kein Schauerritual ist, sondern ein Einüben der eigenen Auflösung: Wer unter den Toten verweilt, den Zerfall des Körpers betrachtet und die Furcht vor ihm zerstört, spielt den Tod gegen den Tod aus (Baudrillard 1991, 12f) und übt jene Entdifferenzierung des non-dualen Śaivismus von Rein und Unrein, Selbst und Welt, in der das Subjekt nicht etwas werden, sondern nur etwas verlernen muss: die Furcht, die Angst kein Subjekt zu sein.
Wenn Deleuze und Guattari fragen, wie man sich einen organlosen Körper macht (Deleuze/Guattari 1992, 221), lässt sich ihre Anweisung, sich auf einem Stratum, einer Gesteinsschicht einzurichten, auch wörtlich verstehen. In Höhen, auf Höhenlinien, zwischen Geröll, Wasser, Muren, auf Firngraten und Sedimentgestein lässt sich nicht nur dem furchtbaren Alphabet, dem Abtrennen, Einschneiden und Umzingeln, den Einkerbungen, Skarifizierungen und Verstümmelungen des Sozius entgehen. Messner stellt der programmierten, gegen jedes Risiko versicherten Welt der Stadt die Freiheit, Weite und Stille der Berge entgegen, deren berechnete Gewissheit er nicht ertrage (Messner 1997, 7). Am Everest-Gipfel erlebte er „eine Art seelischen Orgasmus, ein emotionales Ausschwingen in einem raum-zeitlichen Allbewusstsein“ (Messner 1978, 215). Die Gänge auf Firngraten sind auch Immanenzerfahrungen zwischen Leben und Tod. Sie sind ein „Ausgesetztsein“ (Messner 1997, 83), eine „Eroberung des Nutzlosen“ (Messner 2002, 201) und ein Da-zwischen-Kommen. Das Da-zwischen-Kommen beginnt, wenn Fern- und Nahsinne verschwimmen, sich Instinkte abschalten, reines Empfinden oder ein All-Gefühl sich einstellt. Es beginnt damit, dass die Ideen, Identifikationen und Codes von der Realität sich auflösen und sich Spekulationen über die Materie erzeugen lassen, bei der eine „Kontinuität der Echos, Resonanzen, der Vibrationen zwischen den verschiedenen Ebenen der Realität, zwischen dem Menschen und ihm selbst oder seinem Bild“ neu erschaffen wird (Laruelle 2014, 110).
Wenn Deleuze und Guattari fragen, wie man sich einen organlosen Körper macht, und anweisen, sich auf einem Stratum, einer Gesteinsschicht einzurichten, so lässt sich das nicht nur wörtlich verstehen, sondern auch als Übergang zu einer Alchemie des Körpers selbst, um Körperpraktiken zu entwickeln, die die eingeschriebenen und einverleibten Kräfte zerstören, um ein Immanenzfeld zu schaffen, in dem es dem Begehren an nichts mangelt und es sich daher auf kein äußerliches oder transzendentes Kriterium mehr bezieht (Deleuze/Guattari 1992, 150ff). Hierbei wird der Affekt des Werdens an seiner körperlichen Wurzel angegriffen, weil ein Körper, dem nichts mangelt, ein Körper ist, der nichts mehr zu werden hat. Was so verschwindet, ist nicht das Begehren als Mangel, das gestillt würde, sondern das Begehren als Adressierung überhaupt — ein Sich-Entziehen, das Cvetković (2026) als post-subjektive Ästhetik beschreibt: das Verschwinden des Begehrens aus der ästhetischen Begegnung, aus dem Moment der Annäherung selbst. Dieses Prinzip der Potenzierung findet sich schon bei den antiken Alchemisten, die über die Transmutation des niederen in das höhere Selbst spekulieren (Södergård 1996), um die alles durchdringende Substanz herzustellen, die endlose Formen annehmen kann und in allem enthalten ist (Golowin 1973). Diese Transmutationen hängen von der Feinheit ab – je höher die Ausgangssubstanz, je feiner die Potenz, desto wirksamer, weil, so die alchemistische Spekulation, ein „tausendfaches Auf-sich-selbst-zurück-Verweisen“ (Schütt 2000, 198) das Eigentliche enthalten muss: das Pneuma, den Geist, das Chi (Qì) oder Prana (प्राण), den Lebensatem.
Die Verfeinerung des Atems (Prana) ist wesentlicher Bestandteil, um „das Ruhen der Sinne, Impulse, das Erlöschen, Nachlassen, das große Aufhören zu erlangen“ (Bhagavad Gita 6, 15), bis am Ende des Prana-Anhaltens durch Kumbhaka (das Atemanhalten) der Yogi den Geist frei macht und ein Zustand des Totseins entsteht (Hatha-Yoga-Pradipika 2, 77; 3, 28). Es ist entscheidend, dass dieser Zustand nicht als Gewinn, sondern als Aufhören formuliert ist, sodass ein Levitieren im Weltinnenraum in der großen Leere (Hatha-Yoga-Pradipika 3, 41; 4, 3), ein Wandeln auf dem leeren Pfad möglich wird. Das Ausatmen macht das Subjekt leer, es lädt sich nicht mit Pneuma, dem „göttlichen Geist“, auf, sondern es entsubjektiviert sich. Leerwerden ist Nicht-Werden.
An dieser Stelle berührt sich die Erfahrung des glatten Raums mit einer Figur des spekulativen Pessimismus: dem Schwarz als Grenze des Denkbaren. Thacker (2011) hat die Welt-ohne-uns als jenes Draußen beschrieben, das sich dem menschlichen Zugriff entzieht, und Gianfranceschi (2026) liest die Depression als ein solches randloses Schwarz, ein „un-universe“ nach dem Bild von Fludds schwarzem Quadrat, in das die depressive Person hineinfällt wie in eine Singularität ohne Wiederkehr. Der glatte Raum führt an dieselbe Schwelle — das Ununterscheidbare im Schneesturm, die Verdunkelung des Objekthaften, das Ausgesetztsein zwischen Leben und Tod. Aber wenn im Pessimismus das Schwarz für die Abwesenheit steht, der Entzug, das Draußen, das den Menschen verschlingt, entsteht im glatten Raum dieselbe Verdunkelung als Fülle: nicht als das Loch, in das man fällt, sondern als das Feld, in dem nichts mehr fehlt. Es ist derselbe Ort, aber der Unterschied liegt darin, ob noch jemand übrig ist, dem das Schwarz als Verlust erschiene. Die atemlosen Bergsteigenden auf dem Firngrat, Aghoris auf dem Leichenfeld, die Luftleere im Kumbhaka: Sie alle gehen nicht ins Schwarz des Mangels, sondern ins Schwarz, in dem die Furcht erlischt, weil das Ego, das etwas zu verlieren hätte, sich bereits verdunkelt hat.
Hierin liegt die dritte Hyperspekulation: dass das Hinausgehen in den glatten Raum keinen Zugang zu einem Jenseits eröffnet, sondern die Erfahrung einer radikalen Immanenz, in der die Unterscheidung von Subjekt und Welt, von Innen und Außen kollabiert — kein Hyperraum, sondern das Eine-in-Einem, das keinen Ort außer sich hat (Laruelle 2010; Bohm 1980).
Ein Leerwerden, das keine Erschöpfung ist
Bei dieser Hyperspekulation ist die Sache am gefährlichsten, weil das Nicht-Werden, das dieser Essay freilegt, von außen nicht zu unterscheiden ist von seinem genauen Gegenteil. Denn es gibt einen anderen leeren Körper, eine andere Reglosigkeit, ein anderes Verstummen – und es trägt dieselben Zeichen. Wenn das Begehren, statt nach dem Einem-in-Einem gerichtet ist und sich gegen sich selbst wendet – wenn die Selbstvorwürfe, mit Freud gesprochen, die „Vorwürfe gegen ein Liebesobjekt [sind], die von diesem weg auf das eigene Ich gewälzt sind“ (Freud 1917, 435), weil die direkte Aggression gegen das Objekt blockiert ist; wenn die Wut, die den Verhältnissen gälte, keinen Adressaten findet, und nach innen implodiert; wenn die Seele selbst zur Arbeitsressource mobilisiert wurde, bis Depression nicht die psychologische Krankheit, sondern die psychische Konsequenz der Erschöpfung der Ressourcen ist (Berardi 2009), und die Zukunft nicht schlecht, sondern unvorstellbar geworden ist (Fisher 2009) – dann kollabiert das System in sich, und was bleibt, ist der „volle Körper ohne Organe“ als das Unproduktive, dem sich nichts mehr einschreibt. Depression ist dann kein Energiemangel, sondern eine Energie, die sich auf sich selbst zurückgewendet hat, ein Überschuss, kein Defizit, ein Ich, das so lange komprimiert wurde, bis es stillsteht. Dies ist das erzwungene Nicht-Werden: das Subjekt, das sich, in Lazzaratos „negative subjection“, bereits als schuldig konstituiert hat (Lazzarato 2014, 9) und von der Kompressionsmaschine so verdichtet wurde, bis es nichts mehr produzieren kann.
Und doch sieht es aus wie das andere. Beide Male: kein Werden mehr, kein Projekt, keine Zukunft, auf die man sich hin entwickelt; keine Leistung, kein Sich-Optimieren; ein Körper, der aufgehört hat, die Zeichen seines eigenen Werdens zu produzieren. Von außen ist die erschöpfte Stille des Zusammenbruchs nicht zu trennen von der gesättigten Stille dessen, der aufgehört hat, sich für unvollständig zu halten. Aber der Unterschied ist exakt der, den man mit Laruelle zwischen einer onto-photo-logischen und der non-onto-photo-logischen Aneignung ziehen kann (Paulus 2024b). Die erschöpfte Leere ist noch onto-photo-logisch: Sie ist Repräsentation, der leere Rest, der übrigbleibt, wenn die Kopie sich nicht mehr herstellen lässt – ein Subjekt, das weiterhin in den Kategorien des Werdens steht und nur deren Erfüllung verloren hat, das sich noch immer an der permanent erzwungenen Wiederholung von Bekanntem und Normen misst und an ihr scheitert. Es hat den Code nicht verlassen; es ist an ihm zerbrochen. Die gesättigte Leere dagegen ist die non-onto-photo-logische Auslöschung des Codes selbst – nicht das Scheitern an der Repräsentation, sondern das Vergessen der Zeichen und das Auslöschen des Codes des furchtbaren Alphabets (Deleuze/Guattari 1983, 144f); nicht der Rest der Kopie, sondern die Verdunkelung, in der keine Bilder von Bildern, keine Reproduktionen, Referenzen, Simulationen oder Selbstvergewisserungen entstehen, sondern deren Auslöschung (Althusser/Balibar 1972, 30). Im einen Fall ist die Leere der Nullpunkt, das, was die Maschine übrig lässt, wenn alles verdichtet ist. Im anderen ist sie die Leere, die das ganze Feld der Möglichkeiten trägt – das Individuum wird teilweise leer, frei von Signifikanten und Signifikaten, frei von Interpretationen, nicht weil die Bedeutung zerstört wurde, sondern weil das Subjekt aus dem Regime herausgetreten ist, in dem es unablässig bedeuten, sich unablässig interpretieren, unablässig werden muss.
Es ist verführerisch zu sagen, das leer gewordene Subjekt empfinde sich als Teil des Ganzen und werde dadurch zu allem – aber ein Teil wird nicht zum Ganzen, indem es sich als Teil erkennt; ein Tropfen, der sich als Teil des Meeres denkt, ist noch immer ein Tropfen. Die antike Pneuma-Lehre und die holistische Vorstellung eines großen Ganzen bleiben in genau diesem mereologischen Verhältnis stehen: Teil und Ganzes, getrennt und doch verbunden. Der nicht-duale Gedanke ist ein anderer und … radikaler. Im Kaschmir-Śaivismus ist das Subjekt nicht ein Teil, der zum Ganzen gehört, sondern es war nie vom Ganzen getrennt: Was sich auflöst, ist nicht die Distanz zwischen Teil und Ganzem, sondern die Annahme, dass es je zwei gegeben hätte. Die Pratyabhijñā-Lehre nennt dies Wiedererkennung – das Subjekt erkennt, dass es immer schon das Eine ist, das sich in der Welt nur verkannt hatte; die Wiedererkennung fügt nichts hinzu, sie entfernt allein den Schleier des Vergessens (māyā), der die Trennung vortäuscht (Utpaladeva 2002; vgl. Dyczkowski 1987). Nicht der Tropfen findet ins Meer zurück; es gab nie einen Tropfen, nur das Meer, das sich für einen Tropfen hält. Das Subjekt wird also nicht zu allem – es hört auf, sich für weniger als das Ganze zu halten, das es nie aufgehört hat zu sein.
Das Subjekt erleuchtet sich nicht, um ebenbürtig im Glanz- und Lichtmeer einen Sitz neben einer Gottheit zu bekommen, sondern es verdunkelt sich, und in der Verdunkelung, der Trübung des Objekthaften, im Ausatmen zeigt sich lediglich ein Mysterium, das sich dem Eindeutigen, dem Sprachlichen, der Erklärbarkeit entzieht, und insofern selbstzerstörerisch ist, weil die Verdunkelung nicht zu einem wirklichen Abbild werden kann. Das durch die Verdunkelung Unsichtbare ist nicht die äußere Dunkelheit des Ausschließens, sondern gerade die innere Dunkelheit der Ausschließung, dem Sichtbaren selbst innerlich, durch die Struktur des Sichtbaren definiert (Althusser/Balibar 1972, 30). Das Leer- und Nicht-Werden ist also keine Erleuchtung, sondern die Auslöschung der Codes und Kopien. Befreiung heißt darum, das Werden zu beenden – nicht weil ein Endpunkt erreicht wäre, sondern weil das Werden selbst die Bewegung eines Subjekts war, das sich für unvollständig hält und auf ein Später hin lebt, das nie kommen wird.
Das ist die vierte Hyperspekulation: dass das Leerwerden keinen neuen Inhalt transportiert, sondern die Wiedererkennung dessen, was immer schon war — die Auflösung des Subjekts nicht als Verlust, sondern als das Enden einer Verkennung.
Das tausendfache Auf-sich-Zurückverweisen
Die fünfte Hyperspekulation beginnt mit einer tödlichen Verwechslung. Wer die erschöpfte Leere für die gesättigte hält, romantisiert den Zusammenbruch und überlässt das implodierte Subjekt sich selbst, als wäre seine Lähmung schon Befreiung. Wer die gesättigte Leere für die erschöpfte hält, behandelt das Nicht-Werden als Pathologie, die zu heilen sei, und verschreibt als Kur genau das, was die Kompression war: mehr Werden, besser Werden – Arbeit an sich, um die Selbstbeschuldigung zu verstärken. Beide Verwechslungen reproduzieren die Maschine, die eine durch Verklärung, die andere durch Arbeiten am Selbst. Das Nicht-Werden lässt sich als Verweigerung denken – es ist nichts, was man von außen prüfen, messen, diagnostizieren könnte. Es entwickelt sich daran, ob der Mangel, aus dem das Werden kam, als Fiktion durchschaut ist oder nur als Wirklichkeit ausgehalten wird, bis die Energie erlischt. Damit vollzieht sich die fünfte Hyperspekulation: dass das Non-Becoming sich nicht beschreiben lässt, ohne es zu verfehlen, weil jede Beschreibung die Grammatik des Werdens fortsetzt — es kann nur vollzogen werden, im Text, der sich faltet statt fortzuschreiten, im Echo ohne Ursprung, in der Selbstähnlichkeit, die kein Original kennt. Damit bricht der Essay an seinem Zielpunkt mit seiner Methode: Die Hyperspekulation verlangt, keine Doubles der Welt zu produzieren, keine Variable mit einem Wert zu besetzen, die Resultate offen, immer wieder subtrahierbar zu halten. Doch das Nicht-Werden wird hier nicht als eine Indeterminante unter anderen behandelt: Aus dem „(Non)-One“ ist, scheinbar, wieder ein Eines geworden, eine letzte Instanz, ein neuer Mastersignifikant. Auch die Methode ist ein Code, auch die Non-Philosophie eine Aneignung, auch das „als-ob“ noch ein Standpunkt. Die letzte Indeterminante, die zu subtrahieren bleibt, ist die Subtraktion selbst: der Vollzug — kein Satz über das Nicht-Werden, sondern ein tausendfaches Auf-sich-selbst-Zurückverweisen, das auf nichts außerhalb seiner verweist, weil es kein Außerhalb gibt, das es enthielte. So schließt sich nichts, weil nichts offen war; so endet nichts, weil nichts begann. Es gibt kein Außen – und auch dieser Satz hat keines: er ist eine Schleife, die sich, indem sie sich sagt, ein weiteres Mal als das wiedererkennt, was sie nie aufgehört hat zu sein. Ein Echo ohne Ursprung.
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